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Härte für Syrer, offene Arme für Ukrainer

Wann solle es losgehen mit dem Kindergarten, fragt Helge, ein freundlicher älterer Däne mit kurzen weißen Haaren. So bald wie möglich, antwortet Kateryna. Sie stammt aus Cherson und kam erst vor wenigen Tagen aus der Ukraine ins dänische Aarhus. Nun hilft ihr der pensionierte Lehrer, der sich beim dänischen Flüchtlingsrat engagiert, einen Kindergartenplatz für ihre beiden Kinder zu beantragen.

Wie fast alles in Dänemark, so geht auch das digital. Kateryna bekommt einen Code aufs Handy geschickt, mit dem sie sich identifiziert, schon sind die Plätze beantragt. Beim Übersetzen hilft Sonja. Sie stammt aus Charkiw, kam selbst Mitte vorigen Jahres aus der Ukraine. Alle drei sitzen an einem Tisch im großen, hellen Atrium eines Gebäudes der Stadtverwaltung von Aarhus.

Drum herum stehen weitere Tische, an denen Mitarbeiter der Verwaltung, Sozialarbeiter und ehrenamtliche Helfer jeden Dienstag und Donnerstag alle Fragen beantworten – egal, ob es um den Aufenthalt, um Haustiere, ums Heiraten oder einen Arzttermin geht.

Dänemark ist bekannt für seinen harten Kurs gegen Asylbewerber. Kaum ein europäisches Land hat schärfere Asylgesetze, kaum wo sind sie abschreckender: Derzeit verlieren viele Syrer ihren Schutz, weil sie aus Gegenden ihres Landes stammen, die von Dänemark als sicher eingestuft werden. Schmuck von Asylbewerbern kann eingezogen werden. Und Asylverfahren sollen nach dem Willen der Regierung möglichst außerhalb des Landes stattfinden, am besten in Ruanda.

Am Anfang war es chaotisch

Ukrainer aber nimmt das Land mit weit geöffneten Armen auf. Die Ämter sind flexibel, die Ehrenamtlichen engagiert, und eine spezielle Gesetzgebung ermöglicht die Inte­gra­tion von Tag eins an. Im Frühjahr 2022, kurz nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine, herrschte auch in Dänemark Chaos. Innerhalb von nur rund drei Monaten kamen so viele Menschen wie 2015/2016 insgesamt. Nach Angaben des dänischen Ministeriums für Einwanderung und Integration waren es seit Beginn des Krieges rund 40.000 Ukrainer. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Dänemark nicht mehr so viele Flüchtlinge aufgenommen.

Am Anfang herrschte Chaos, die Kirchen versorgten die Menschen mit dem Nötigsten. Man habe Lebensmittel gebracht und ein Netzwerk zum Spenden und Austeilen von Nahrungsmitteln gegründet, Freiwillige hätten ihre Türen geöffnet, sagt Christina Daa, die in der Sozialarbeit der Dänischen Volkskirche in Aarhus tätig ist. Erst danach wurde der Zugang geregelt. Das dänische Parlament verabschiedete ein Gesetz, wonach Ukrainer wie in Deutschland ihren Wohnort frei wählen können, nicht Asyl beantragen müssen und einen schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

Die Aufnahme laufe gut, erzählen nun alle. Auch wenn sich, so wie in Deutschland, mit der Zeit gewisse Schwierigkeiten zeigen. Das größte Problem sei die Sprache, sagt die Mitarbeiterin des örtlichen Jobcenters. Viele Ukrainer ließen sich nicht auf das Dänische ein, weil sie ohnehin damit rechneten, bald zurückzukehren. Viele sprächen auch schlecht Englisch. Daher könnten sie trotz einer relativ guten Ausbildung oft nur gering qualifizierte Jobs ausüben.Zudem gibt es kulturelle Schwierigkeiten. Vielen der Neuangekommenen gehe es psychisch nicht gut, erzählen Freiwillige. Doch könnten die Betroffenen darüber oft nicht sprechen. Auch gebe es große Unterschiede etwa bei der Sicht auf Bildung und Freizeitgestaltung. Viele Ukrainer hielten die Bildungsangebote in Dänemark für schlecht. Zudem verstünden viele nicht das Freizeitangebot. In Dänemark lebt das vom Engagement aller. Das „foreningsliv“ (Vereinsleben) bleibe ihnen rätselhaft, „die sind Profis gewohnt“, sagt Cecilie Broundal vom Flüchtlingsrat in Aarhus. „Wir dachten vielleicht zu früh, dass die Ukrainer wie wir sind. Aber das sind sie nicht.“

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